Erläuterungen zur Weisheit der Woche


„Das Dao ist die höchste Wirklichkeit und die höchste Subtilität, und es gibt nichts, das nicht von seiner Leere durchdrungen wird.“
Darga (Übers.) 2014: Daojiao Yishu – Schlüssel zur Bedeutung der daoistischen Religion (Kap.1, S. 1b)

Das Dao wird als Nicht-Seiendes (wu) im Gegensatz zum Seienden (you) beschrieben. Es sei die höchste Leere, heißt es. Nur im Zustand dieser absoluten Leere liege die Möglichkeit, die ganze Welt der Dinge, Formen und Gestalten, auch Gedanken und Gefühle im Keim zu enthalten.1 Es ist der Ursprung der „zehntausend Dinge“. Daher findet es häufig in seiner mütterlichen Eigenschaft Erwähnung. Der Mensch entstammt dem Dao und entwickelt sich bestenfalls in diesen Urzustand  zurück. Da die Welt aus dem Dao kommt, ist alles von ihm durchdrungen und unterliegt seinen Gesetzmäßigkeiten. Nähert man sich diesen Gesetzmäßigkeiten an, so ist es, als ob man mit dem Strom schwimmt. Entfernt man sich von ihnen, entstehen verstärkt Reibungsverluste.2 Praktiziert man Qigong, so ist dies eine Methode der Annäherung an diese Muster - eine Annäherung an die Leere, die Weite und Offenheit.
1Vgl. Darga, Martina: TAO – Wege der taoistischen Lebenskunst. München: O.W. Barth 2014, S. 30
2Vgl. Kohn, Livia: in Zeitschrift f. Qigong Yangsheng 2017. Hrsg. Med. Ges. f. Qigong Yangsheng., S.74





„Das Dao ist grundsätzlich höchste Leere. Die höchste Leere ist ohne Gestalt. Ihr Ende liegt in dem, was ohne Ende ist. Ihr Anfang liegt in dem, was ohne Anfang ist.“

Zhonghe Ji: Kap.1, S. 4a, Darga, Martina (Übers.): Tao - Wege der taoistischen Lebenskunst. München: O.W. Barth 2014, S. 37

Autor des Zhonghe Ji ist Li Daochun (ca. 1219-1296). Er stammte aus der heutigen Provinz Hunan, war Daoist und Abt des Tempels des Langen Lebens in Yizhen. Sein Schüler Cai Zhiji sammelte die philosophischen Abhandlungen, Gedichte, Lieder und Dialoge. Er gab sie im Jahr 1306 heraus. Das Werk beinhaltet Gedanken über die letzte Wirklichkeit, die Ureinheit, und komplementäre Paare wie Körper und Geist, Ruhe und Bewegung, Substanz und Funktion, Kontraktion und Expansion usw.. Interessant ist u.a. die zentrale Aussage der Übereinstimmung eines authentischen Kerns der drei Lehren Konfuzianismus, Buddhismus und Daoismus. Das völlige Erwachen des Buddhismus, das Allerhöchste (taiji) des Konfuzianismus und das Goldene Elixier der daoistischen Inneren Alchemie (jindan) setzt er gleich.
Vgl. Darga, S. 262




Der spirituelle Geist (shén) in der alten chinesischen Philosophie

„Der reine spirituelle Geist reicht in die vier Richtungen und fließt überall. Er erstreckt sich ganz weit und nirgendwo ist er nicht vorhanden. Oben reicht er in den Himmel; unten windet er sich auf der Erde. Er wandelt und nährt alle Dinge, aber niemand kann sein Form ausmachen. Er ist eins mit dem Kosmos (Zhuangzi, Kap. 15).“… „Eine aktive konfigurierende Kraft, eng mit dem Dao verbunden, hat der spirituelle Geist einen wandelnden Einfluss auf die Person, ist jedoch in sich ohne Grenzen und frei von allen Bewertungen und Urteilen, im Grunde kerngesund, stark und robust…(Lewis 2006, 22)… Er ist ganz in unserem Leben zu Hause und wohnt tief in unserer körperlichen Form. (Kuriyama 1999, 167) Im Geist ganz zu sein bedeutet, dass man ihn anstelle der Sinne zu Wahrnehmung und Reaktion benutzt… Der Geist ist stark, stärker als der Körper, und solange man mit dem spirituellen Geist eins ist, kann man die physische Form sich ändern lassen … Der Körper, der mit diesem Geist verbunden ist, stellt „einen grenzenlosen Organismus von unendlichen Dimensionen“ dar… (Er indiziert auch I.K.), dass der menschliche Körper ein Teil eines größeren sozialen und kosmischen Korpus ist… und seine Substanz mit allen Menschen teilt. (Sommer 2010, 223)

Zit. nach Livia Kohn: in Zeitschrift f. Qigong Yangsheng 2017. Hrsg. Med. Ges. f. Qigong Yangsheng., S.72 ff.

Literatur:

Lewis, Mark Edward: The Construction of Space in Early China. Albany: State University of New York Press 2006, S. 22
Kuriyama, Shigehisa: The Expressiveness of the Body and the Divergence of Greek and Chinese Medicine. New York: Zone Books 1999, S. 167
Sommer, Deborah: Concepts of the Body in the Zhuangzi. In Experimental Essays on Zhuangzi, edited by Victor H. Mair, S. 212-27. Dunedin, Fla.: Three Pines Press 2010, S. 223




Der Geist des Herzens (xin) in der alten chinesischen Philosophie

Der Geist des Herzens umfasst Emotionen, Denken, Motivation, Wille, Erinnerung und Wissen. Er kann offen und fließend sein oder aber kontrolliert und geregelt, den Menschen strukturierend nach Vorlieben und Abneigungen. Ein Geist, der sich auf die Gestaltung der Welt nach seinen Wünschen konzentriert, nimmt diese nur noch partiell und durch seine Urteile gefärbt wahr und ist daher eingeschränkt. Ein Geist des Herzens, der sich frei bewegen kann, frei fließt und mit einer Haltung der Offenheit der Welt entgegentritt, geht einher mit tiefer Erfüllung und deutet auf einen höheren Bewusstseinszustand hin.

Vgl. Livia Kohn: in Zeitschrift f. Qigong Yangsheng 2017. Hrsg. Med. Ges. f. Qigong Yangsheng., S.69 ff.